KI – Warum es diesmal anders ist
Ein kurzes Gedankenexperiment über künstliche Intelligenz, den menschlichen Intellekt und das Ende eines altbekannten Kreislaufs.
Gleich vorweg, ich bin kein Experte in historischer Analyse, kein Zukunftsforscher und auch kein Hellseher. Ich bin einfach eine Person, die sich gerne mal in Gedanken verliert. All jene, die sich hier eine hochwissenschaftliche Analyse der Thematik erhoffen, muss ich enttäuschen – es ist ein Gedankenexperiment aufgebaut auf meinen Axiomen der Logik. Ein solches Vorgehen birgt Risiken, vor allem jene der Simplifizierung sowie der Scheinvollständigkeit – die wiederum Indiz eines zu simplen formalen Systems meinerseits sein kann.
Hinweis: Dieser Artikel ist ein Gedankenexperiment aufgebaut auf meinen Axiomen der Logik und keine hochwissenschaftliche Analyse der Thematik.
1) Die Evolution der Werkzeuge
Wir Menschen hatten historisch gesehen einen Vorteil: unsere kognitiven Fähigkeiten. Sie erlaubten es uns, Werkzeuge zu erdenken und zu nutzen. Diese Werkzeuge wiederum erlaubten es uns, in höhere Sphären des kollektiven menschlichen Intellekts zu steigen – durch die Erschließung neuer Nahrungsquellen und die damit verbundene Steigerung der kognitiven Fähigkeit des Individuums sowie durch die Erschließung kollektiver Freizeit. Während die evolutionäre Weiterentwicklung kognitiver Fähigkeiten die Entwicklung von Werkzeugen positiv beeinflusst, ist auch die Erschließung von Freizeit mehrschichtig. Werkzeuge können nicht nur Effizienz steigern, sondern auch indirekten Einfluss auf die Lebenserwartung und Bevölkerungsanzahl – durch Verbesserung von Medizin, Nahrungsversorgung und Hygiene – nehmen, sowie das Erschaffen neuer Werkzeuge beschleunigen. Heruntergebrochen verschaffen uns Werkzeuge Zeit. Da wir Menschen diese Zeit seit jeher nutzen, um neue Werkzeuge zu konzipieren, befinden wir uns in einer Explosion des kollektiven menschlichen Intellekts.
Sprache ist eines jener Werkzeuge, die dem Menschen die Entwicklung von neuen Werkzeugen erleichtern. Durch das Teilen von Ideen können wir voneinander lernen und somit aufeinander aufbauen, anstatt das Rad immer neu zu erfinden. Bücher und später das Internet haben den Wirkungsbereich von Ideen erweitert – aber alles auf Basis der Sprache. Sie bleibt das Medium, in dem Ideen verfasst werden.
2) KI und die Regeln des Spiels
Die Idee der künstlichen Intelligenz ist nicht neu. Die Menschheit war schon in der Vergangenheit fasziniert von automatischen Systemen. Es gibt verschiedenste Ansätze, künstliche Intelligenzen zu entwickeln. Neben etwaigen Technologien unterscheidet man auch den Wirkungsbereich. Spezialisierte KI hat schon in vielen Bereichen den menschlichen Intellekt abgelöst – klare Regeln und Ziele haben die Entwicklung erleichtert. Für allgemeine KI fehlen hingegen klare Regeln und Ziele. Unsere einzige Referenz für hoch entwickelte allgemeine Intelligenz (der Mensch) hat die Regeln ihres Spiels noch längst nicht verstanden. Eine Idee, die in näherer Vergangenheit Früchte getragen hat, ist die Verwendung von Sprache als Spielfeld der KI. Das Ziel? Vorhersage des nächsten Wortbruchstücks (Token) auf Basis einer Eingabe. Nun haben wir klare Regeln und ein Ziel. Allgemeine Intelligenz im Sinne der Wirkung, nicht in der Funktion.
Haben wir jetzt menschliche Intelligenz? Nein. Haben wir „nur“ ein weiteres mächtiges Werkzeug? Ich würde ebenfalls behaupten: nein. Werkzeuge verschaffen uns Zeit. Diese Zeit haben wir Menschen genutzt, um weitere Werkzeuge zu konzipieren. Ein bekannter Gedanke ist jener, dass Technologie keine Arbeitsplätze kostet, da sie neue erschafft. Im Grunde bedeutet das Folgendes: Wir nutzen unsere neu gewonnene Freizeit, um andere Dinge zu tun, bis wir jene Dinge durch neue Werkzeuge effizienter gestalten und wieder mehr Freizeit gewinnen. Dieser Kreislauf beschleunigt sich immer weiter, da manche Werkzeuge eine positive Feedback-Schleife hervorbringen (Sprache, Bücher, Internet) und somit die Konzeption neuer Werkzeuge beschleunigen. Hinzu kommen Faktoren wie längere Lebenszeit und Bevölkerungswachstum. Warum aber ist künstliche Intelligenz, wenn auch weit entfernt von menschlicher Intelligenz, mehr als nur ein weiteres Werkzeug in diesem Kreislauf?
3) Der Paradigmenwechsel
Lassen Sie mich kurz darlegen, warum es diesmal anders ist. Wir haben Sprache als Basis allgemeiner künstlicher Intelligenz entdeckt. Sprache ist aber nicht einfach irgendein Medium, es ist das Medium, in dem wir unsere Ideen transportieren – die fundamentale Basis jedes neuen Werkzeuges. Das Muster unserer Ideen spiegelt sich im Muster unserer Sprache. Wir haben also eine weitere spezialisierte KI erschaffen, allerdings in einem allgemeinen Medium. Allgemeine künstliche Intelligenz muss nicht menschlich sein, muss nicht unsere Intelligenz kopieren, sondern nur in dem Bereich trumpfen, der uns als allgemeine Intelligenz vorbehalten war: die Konzeption von Werkzeugen.
3.1) Das Ende des Kreislaufs
Ein System, das in der Konzeption neuer Werkzeuge brilliert, beendet unseren altbekannten Kreislauf (neuer Bereich – neues Werkzeug – Freizeit – neuer Bereich). Anders als bei jeder Technologie zuvor haben wir nun ein Werkzeug, das andere Werkzeuge erstellt. Wir verlieren die eine fundamentale Aufgabe, mit der wir unsere gewonnene Freizeit füllen.
Nicht jeder ist direkt an der Konzeption neuer Werkzeuge beteiligt, indirekt sind wir es aber alle. Anfänglich wird sich KI wie ein weiteres, mächtiges Werkzeug anfühlen. Es steigert die Effizienz – wie viele Technologien zuvor. Doch der Kreislauf wird brechen: Zuerst werden keine neuen Jobs mehr entstehen. Langsam, aber sicher werden bestehende Arbeitsplätze verloren gehen. Zunächst trifft es zwar nur gewisse Branchen – das steigert jedoch den Konkurrenzdruck in den verbleibenden Bereichen. Schlussendlich wird, bis auf wenige Ausnahmen, jeder Branche davon betroffen sein.
4) Auswirkungen auf die Gegenwart
Vielleicht sind wir noch nicht so weit, vielleicht haben aktuelle Systeme die Komplexität der Sprache noch nicht final gemeistert. Der Punkt dieses Gedankenexperiments ist jedoch ein anderer: Wir müssen keine allgemeine Intelligenz im Sinne einer Replikation des menschlichen Gehirns erschaffen. Ich stelle infrage, dass wir dazu aktuell das nötige Know-how haben. Es reicht ein spezialisiertes System, das in einem universellen Medium (z. B. Sprache) operiert, um uns die „Werkzeugerstellung“ abzunehmen und somit ein Ende des bekannten Paradigmas einzuleiten. Das ist der Grund, warum es diesmal anders ist.
4.1) Wie sieht das in der Praxis aus?
Dieses Gedankenexperiment beleuchtet den langfristigen Paradigmenwechsel. Doch was bedeutet das für die Softwareentwicklung von heute? Während die KI auf dem Weg ist, das ultimative Werkzeug zu werden, birgt ihr naiver Einsatz in der aktuellen Praxis Risiken.
Wie man diese Systeme heute schon effizient, aber vor allem sicher für Production-Tools nutzt – und warum der menschliche Architekt aktuell noch unverzichtbar ist – lesen Sie in meinem Praxis-Artikel: